Auf Wiederhören!

Das Klingeln vom Haustelefon und der süße Geschmack von Mamas Pfannkuchen. Das sind Dinge, die Tjark Dobrowolski vermisst. Ingeborg Hennings von der Ohe vermisst den Duft von Erdbeeren und ihr hartes Kinderbett. Ingeborg und Tjark kennen sich nicht. Was sie aber verbindet: Beide sind blind.

Der 13-jährige Tjark ist ein Technikfreak. Er hat nahezu jedes kaputte Autoteil aus Mamas Auto in der Hand gehabt. Wenn er gerade nicht mit seinem Papa am Auto ist, hört er sich die Aufnahmen seines Diktiergerätes an. Tjark nimmt damit alles Mögliche auf: das Bellen seines Hundes, das Pfeifen der kaputten Lichtmaschine in Mamas Auto und die Gespräche seiner Familie. Er sieht nichts. Aber er hört: „Damit Mama im Wohnzimmer nicht verrückt wird, höre ich die Aufnahmen in meinem Zimmer.“

Manchmal lässt er das Aufnahmegerät an ungünstigen Stellen wie im Badezimmer liegen. Das stört ihn wenig. Ihm ist wichtig, dass er Geräusche von zu Hause einfängt, denn er ist nur am Wochenende in seiner Heimatstadt Uelzen. Seit 2011 geht er auf das Blindeninternat „Borkweg“ in Hamburg. Durch einen Gendefekt, der sich Septo-optische Dysplasie (SOD) nennt, ist er erblindet. Die SOD bewirkt, dass Tjarks Sehnerv nicht durchblutet wird und ihm der Geruchssinn fehlt. Sein geistiges Alter liegt bei zehn Jahren.

Heimweh hat Tjark in Hamburg vor allem nach seiner Familie. „Wenn ich meine Eltern auf dem Tonband meckern höre, ist das nicht so schön“, findet er, aber auch das sei für ihn ein Stück von zu Hause. Bekommt er Heimweh, zieht er sich an einen hellen Platz zurück, schnappt sich das Telefon und ruft zu Hause an. Und dann freut sich Mama, denn auch sie hat Heimweh. Nach ihm. Aber auch manche Dinge aus dem Internat vermisst Tjark, wenn er zu Hause ist. Zum Beispiel, wenn er die Nachtschicht seines Lieblingserziehers verpasst.

„Rotz und Wasser“ habe ich geweint

„Ich pflege mein Heimweh heute nicht mehr“, sagt Ingeborg Hennings von der Ohe, die mit 57 Jahren an einer Netzhautkrankheit erblindet ist. Als Kind war das anders: „Rotz und Wasser“ habe die 71-Jährige geweint, sobald sie ein paar Kilometer von zu Hause entfernt war. „Bei neuem Heimweh knüpfe ich an alte Situationen an“, erzählt Hennings von der Ohe. Die Rufe von Kranichen erinnern sie zum Beispiel an ihre Kindheit und die Arbeit auf dem Feld.

In ihrem jetzigen zu Hause fühlt sie sich wohl: „Hier kenne ich alles.“ Etwas vermisst sie aber doch: ihre Enkelkinder zu sehen, so wie sie ihre eigenen Kinder sehen konnte. „Ich kann sie nur fühlen, aber das fühlt sich wunderschön an“, sagt Hennings von der Ohe und lächelt.

Von Karthiga Manivannan

Foto: Lisa Eimermacher

[ssba]