„Angst hatte ich keine“

Mein Großvater, der 79-jährige Heinrich Kubsch aus Lauenau, musste im Alter von elf Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg mit seiner deutschstämmigen Familie von Polen nach Deutschland flüchten. Im Interview erinnert er sich an die damalige Zeit.


Erzähle einmal bitte von dem Ort, an dem du geboren wurdest und einige Jahre deines Lebens aufgewachsen bist. Wie waren die Leute dort?

Wir waren Deutsche, Polen und Tschechen. Eigentlich ganz friedliche Menschen. Wir hatten ja nichts gegeneinander. Während des Krieges wurden die Polen von den Deutschen überfallen und dann konnten wir schon merken, dass die auf uns nicht mehr gut zu sprechen waren. Unsere Landwirtschaft, die wir dort betrieben hatten, wurde von einem Polen besetzt. Dort habe ich auch als Kind gearbeitet und zum Beispiel Kühe gehütet oder Futter geholt.

Mit elf Jahren musstest du deine alte Heimat verlassen. Wie ist es dazu gekommen?

1947, eines Tages dann, das war kurz vor der Ernte, kamen die Polen und haben uns gesagt, wir müssten jetzt das Dorf verlassen. Wenn wir die polnische Staatsangehörigkeit annehmen würden, könnten wir dortbleiben. Doch wenn nicht, müssten wir uns zum Sammeltransport begeben. Da hat dann der Pole, der unsere Landwirtschaft besetzt hat, Pferdewagen angespannt. Wir packten unsere sieben Sachen da drauf. Die Kinder saßen auf dem Wagen und die Eltern und Großeltern sind hinterhergelaufen. Die Kinder waren meine drei Geschwister, der Sohn meiner Tante und ich. Bei Nacht und Nebel haben sie uns auf einen Lastwagen gekarrt und in die Stadt Petrikow gebracht. Dort wurden wir in einer Pferdehalle untergebracht. Da roch es noch nach Pferd (lacht). Da waren wir zwei bis drei Nächte und von da aus haben sie uns wieder zusammengesammelt und den Transport vergrößert. Anschließend fuhren wir nach Litzmannstadt (heute Łódź). Von dort haben sie uns mit dem Lastwagen nach Breslau gekarrt. Aber ab Breslau haben sie einen richtigen Transport mit einem Güterzug zusammengestellt. Von Breslau haben sie uns über die Oder-Neiße-Grenze nach Freiberg gebracht, wo wir von meiner Tante und Großmutter getrennt wurden. Uns haben sie nach Zwickau gebracht. Dort wurden die Menschen verteilt, je nachdem wie Arbeitskräfte benötigt wurden. Die Frauen mussten in der Landwirtschaft tätig werden, während die Männer in den Bergwerken im Erzgebirge arbeiten mussten. Wilkau-Haßlau war ja das Tor zum Erzgebirge.

 

Wie hast du dich bei der Flucht gefühlt? Hattest du Angst?

Angst hatte ich keine. Doch unterwegs ist etwas Trauriges passiert: Wir waren auf dem Weg von Breslau nach Zwickau. An einem Bahnhof wurden Waggons angehängt. Als Kinder sind wir zwischen den Zügen herumgelaufen. Da hat sich ja keiner Gedanken gemacht, was da passieren kann. Ein Junge ist dabei zwischen die Puffer gekommen und gestorben. Den Jungen haben sie gleich da beerdigt.
 

Mit welchen Veränderungen warst du in Deutschland konfrontiert?

In Deutschland bekamen wir ein Zimmer in einer Villa, in der Hemden hergestellt wurden. Da hatten wir anfangs weder Bett, noch Stuhl. Also haben wir Laub in Säcke getan und darauf campiert. Nur unsere Eltern bekamen zuerst ein Bett von der Volkssolidarität. Nach und nach gab es dann noch Betten für uns Kinder. Es schliefen immer zwei in einem Bett. In der Villa sind wir auch nicht sehr lange geblieben, weil der Besitzer nach Westen abgehauen ist. 1948 sind wir dann nach Wilkau-Haßlau gezogen. Wir konnten natürlich kein Deutsch und mussten das erst einmal lernen. Das war hart und ich war dann schon bald wieder aus der Schule raus.
 

Wie hat man dich in Deutschland empfangen?

Sicher gab es welche, die keine Einsicht hatten, dass wir nicht aus Jux und Tollerei nach Deutschland gekommen sind. Aber sonst haben wir mit den Kindern dann gespielt. In der DDR war es jedoch noch ein bisschen anders als hier, weil die Partei das Sagen hatte.
 

An was denkst du heute, wenn du dich an das Leben in Polen erinnerst?

Ich meine gut, dass es so gekommen ist. Sonst weiß ich nicht, ob ich da heute noch gelebt hätte. In Polen auf dem Land war das damals so üblich, dass man von morgens bis abends auf dem Feld geackert hat, um die Familie ernähren zu können. In Deutschland war das schon anders. 1955 bin ich von Wilkau-Haßlau in den Westen gegangen. Das war dann wieder eine Veränderung.

Von Lisa Eimermacher

[ssba]