„Am Arsch der Welt“: Landei und Stadtpflanze reden Klartext

Was bedeutet Heimat für Menschen aus der Stadt? Und was für Menschen auf dem Land? Schon immer gibt es Vorurteile gegenüber der Heimat der anderen. Doch was ist dran? Stadtpflanze Ariana und Dorfkind Lea reden Klartext.

Landei
Heimat bedeutet für mich, dass ich in ein paar Schritten in der Natur bin, Spazieren gehen kann und dabei meine Ruhe habe.

Das ist dran, an den Vorurteilen

Da ist nichts los, die totale Einöde“                                                    

Das stimmt nicht immer, aber es kommt schon häufiger vor, dass hier „tote Hose“ herrscht. Wenn hier jedoch einmal etwas los ist, z.B. ein Jubiläum eines Vereins anliegt, dann wird meistens richtig groß gefeiert. Da packen dann alle mit an. Letztendlich kann man die Feiern auf dem Land nicht mit denen in der Stadt vergleichen. Deshalb sind sie aber nicht unbedingt schlechter, nur anders. Denn wenn auf dem Land gefeiert wird, dann richtig: Richtig laut, richtig lustig und richtig lange.

„Das sind alle Ökos“

Nicht alle laufen hier mit Leinenhosen und Birkenstocksandalen umher, bauen Gemüse an oder fahren zur Minderung des CO2- Ausstoßes mit dem Fahrrad. Kaum vorstellbar, aber auch Menschen vom Land gehen gerne shoppen, kennen sogar H&M, Mango oder Guess. Es gibt eben die einen, die auf ihr Aussehen Wert legen und die anderen, für die z.B. die Natur wichtiger ist. Hier sind also weder alle Ökos, noch gehören alle einer Hippikommune an.

„Am Arsch der Welt“

Das stimmt leider. Denn die einzige Verbindung zur „Außenwelt“ ist ein Bus. Dieser fährt in der Woche höchstens fünf Mal täglich, in den Ferien höchstens drei Mal und am Wochenende gar nicht. Ohne Führerschein und Auto ist man auf dem Land also auch heute noch aufgeschmissen. Das bedeutet vor allem eins: Spontanität adé. Einmal spontan ins Kino oder shoppen zu gehen ist ohne ein Auto nicht möglich. So muss die nächste Shoppingtour oder sogar der Wocheneinkauf stets geplant sein. Das nervt besonders die Jugend, denn solange sie noch zu jung für den Führerschein ist, ist sie meist auf das „Muttitaxi“ angewiesen. Das einzige Positive daran ist wohl, dass die Eltern ihre Kinder deshalb beim Führerschein großzügig unterstützen. Wohl stets mit dem Hintergedanken, endlich nicht mehr das Taxi für ihr pubertierendes Kind spielen zu müssen.

Darum beneide ich die Heimat des anderen:

Vor allem beneide ich die Städter um die Spontanität, dass man einfach jederzeit alles Mögliche tun kann: sei es shoppen, feiern oder einfach nur ins Kino zu gehen.

Stadtpflanze

Heimat bedeutet für mich, dass ich immer Menschen um mich habe, dieser Trubel, das gibt mir einfach das Gefühl nicht allein zu sein. Man ist einfach immer dabei, mittendrin, im Leben.

Das ist dran, an den Vorurteilen

„Das sind alles Kriminelle“

Hier gibt es auf jeden Fall mehr Kriminelle als auf dem Land, dies ist vor allem durch die Anonymität möglich, die hier herrscht. Auf dem Land fällt es natürlich schnell auf wenn jemand kriminell wird, schließlich kennt man sich. In der Stadt kennt man nicht mal seinen Nachbarn, genau diese Anonymität lädt Kriminelle buchstäblich zu ihren Taten ein. Das heißt aber nicht, dass an jeder Ecke ein Krimineller steht. Größtenteils halten diese sich in stadtbekannten „Ghettos“ auf, denen man nach Anbruch der Dunkelheit lieber fernbleiben sollte.

„Das sind doch alle Hipster oder Tussis“

„Alle“ ist übertrieben, aber auf einen Teil der Stadtbevölkerung trifft dies schon zu. Denn Hipster und Tussis sind eher selten auf dem Land zu finden. High-Heels auf dem Acker oder im Wald? Das Hündchen, das als modisches Accessoire in der Handtasche steckt? Das wäre auf dem Land wohl undenkbar. Hier ist das so normal, wie die Kuh im Dorf. In der Stadt kann also jeder so sein wie er möchte, er kann sich nach Belieben ausleben, ohne dabei schräg von der Seite angeguckt zu werden.

„Viele Stadtkinder denken doch, dass Kühe lila seien und dass das Fischstäbchen im Meer umherschwimmt“

Nicht alle Kinder denken dies, wenn sie es aber tun, dann weil ihnen die praktische Erfahrung fehlt. Sie lernen vielleicht in der Schule, dass Kühe nicht lila sind und welche Fische im Meer umherschwimmen. Doch das ist alles nur Theorie, den Stadtkindern fehlt es also oftmals an der Praxis, an der Nähe zur Realität. Hinzu kommt die immer unrealistischer werdende Werbung, in der eben die Kuh lila ist oder Käpt’n Iglo seine Fischstäbchen aus dem Meer fischt. Dieser fehlende Realitätsbezug ist daher ein Nachteil des Stadtlebens, dafür kennen sich Stadtkinder aber z.B. besser mit dem U-Bahnfahren aus, bei welchem ein Kind vom Land meist untergeht.

Darum beneide ich die Heimat des anderen:

Ich beneide die Menschen vom Land natürlich um die Ruhe und die Nähe zur Natur. Aber vor allem um den engen Kontakt zu den Mitmenschen, der dort herrscht. Durch diesen weiß man wo man hingehört, dadurch fühlt es sich einfach heimischer an als in der Stadt.

Von Lea Pflugmacher

Foto: Angela Siems

[ssba]