Abenteuerurlaub oder interkulturelles Lernen?

Jedes Jahr bringt der Freiwilligendienst weltwärts junge Deutsche ins Ausland, um dort entwicklungspolitische Projekte zu unterstützen – gefördert durch Millionenbeträge des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Doch der Nutzen des interkulturellen Dienstes ist umstritten.

Weltwärts wurde 2008 ins Leben gerufen. Junge Menschen zwischen 18 und 28 Jahren arbeiten und helfen für je ein Jahr in Projekten in Afrika, Asien, Lateinamerika oder Südosteuropa. Die Zahlen von weltwärts sind enorm: 6.577 Einsatzplätze sind anerkannt, über 10.000 Bewerbungen gehen jährlich ein. Das Ministerium übernimmt bis zu 75 Prozent der Kosten, den Rest zahlen die 160 deutschen Entsendeorganisationen, die den weltwärts-Teilnehmern auch bei Formularen und Flügen helfen und sie in Seminaren vorbereiten.

Allein in den ersten zwei Jahren seit der Gründung verwendete das BMZ über 84 Millionen Euro für den Dienst. Für den Staat ist das eine Investition in die Offenheit der Gesellschaft: „Die Konfrontation mit Armut und globaler Ungerechtigkeit führt bei vielen Freiwilligen auch zurück in Deutschland zu einer veränderten Einstellung und einem veränderten Handeln“, erklärt Dr. Jörn Fischer, Gründer und der politischen Interessensvertretung für Freiwillige „grenzenlos e.V.

Doch wie sinnvoll ist weltwärts überhaupt? Kritiker bemängeln, dass das BMZ lediglich das Abenteuer-Bestreben der jungen Leute unterstütze. Das „Tourismusprogramm“ gehe an den Bedürfnissen der Länder und Projekte vorbei. Winfried Pinger, ehemaliger Entwicklungsexperte der CDU, schrieb bereits 2008 in einer Erklärung: „Wir helfen mit dem Programm uns selbst. Wir helfen nicht den Menschen in Afrika, Asien, Lateinamerika.“ Die Fördergelder sollten statt in junge Menschen ohne Berufserfahrung lieber in den Bau von Schulen investiert werden, meint Pinger

Weltwärts ist also viel zu teuer und bringt nichts? Vertreter des Freiwilligendienstes weisen das entschieden zurück. Entwicklungspolitische Veränderung müsse vor allem in den Köpfen der Menschen geschehen und weniger in der Infrastruktur, so die Argumentation. Es sei nicht Anspruch von weltwärts, ausgebildete Entwicklungshelfer zu beschäftigen, sondern bei den jungen Deutschen und den Menschen im Gastland einen interkulturellen Austausch anzuregen. Auch die zusätzliche Arbeitskraft der jungen Deutschen in Projekten, die sonst häufig unterbesetzt wären, freue die Partnerorganisationen, erklärt Fischer: „Die Tätigkeiten der Helfer sind so ausgelegt, dass sie unterstützend wirken, aber nicht so, dass ohne sie der ganze Laden zusammenbricht“.

Um der Kritik entgegenzuwirken, schuf das BMZ 2013 eine weitere Komponente im weltwärts-Programm: Es fördert nun auch junge Menschen aus Partnerländern, die ein Jahr lang einen Freiwilligendienst in Deutschland leisten und etwa in der Kinderbetreuung oder in Umweltprojekten arbeiten. „Der interkulturelle Austausch schafft Achtung und Toleranz und trägt zur Völkerverständigung bei“, schreibt das Ministerium zum Süd-Nord-Austausch auf seiner Homepage. Die Zahl der internationalen Freiwilligen ist jedoch vergleichsweise gering: Nur 837 kamen bisher nach Deutschland.

von Luise Ham

[ssba]