7200 Sekunden 

 Ich werfe einen Blick in den Spiegel : Meine Pupillen sind erweitert. Mir ist heiß, fast schon fiebrig  Mein Herz pocht. Ich bin wütend, genervt und frustriert. Und noch 6300 Sekunden bis zum Ziel. 

Es ist ein wunderschöner Mittwochnachmittag. Hoch Peter bereitet Deutschland Temperaturen bis über die 20 Grad Grenze. Es sind zwar Wolken am Himmel zu sehen, aber das hindert die Menschen nicht daran in Sommerkleidern und T-Shirts an mir vorbeizulaufen. Sie sind offensichtlich gut gelaunt. Meine Anforderungen am heutigen Tage sind nicht groß: Einfach so schnell es geht nach Hause fahren. Nicht mehr und nicht weniger. Zwei Mädchen auf dem Fahrrad kreuzen meinen Weg. Sie lachen und haben beide eine große Tasche auf dem Gepäckträger. Vielleicht fahren sie zum Sonnen an den Maschsee oder in eines der Freibäder Hannovers. Und ich sitze in meiner persönlichen Hölle fest.

Es ist erst eine viertel Stunde her seitdem ich von der Voßstraße in der List gestartet bin. Der türkise Mercedes Daimler hat sich wie immer bei diesen warmen Temperaturen auf 29 Grad erhitzt. Ich habe die Fenster runtergefahren und ein beinahe erstickender Geruch von Abgasen sammelt sich im Auto. Ich hab die Wahl zwischen überhitzen und ersticken. Letzteres erscheint mir das kleinere Übel. Nun stecke ich auf der Vahrenwalder Straße fest. Normalerweise benötige ich 2 Stunden nach Bremervörde, meiner Heimat. 2 Stunden, also 120 Minuten oder auch 7200 Sekunden.

Aber seit einer gefühlten Ewigkeit warte ich nun vor ein und derselben Ampel. Es gibt schätzungsweise 1,5 Milliarden Ampeln in Deutschland. Und genau diese eine an der Kreuzung zum Alten Flughafen hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Autofahrer zur Weißglut zu bringen. 101 Jahre ist die elektronische Ampel nun schon alt. Die erste Wechsellichtzeichenanlage, wie sie die Behörden nennen, wurde 1868 in London aufgestellt. Eine Gaslaterne, die den Pferdekutschenverkehr regeln sollte, doch allerdings nach drei Wochen explodierte. Aber vielleicht war es nicht das Gas in der Laterne, das zum Knall führte, sondern nur ein gestresster Kutschführer, der seinen Frust an der neuartigen Erfindung auslebte. Ich könnte es ihm nicht verübeln. Zwei Wochen unseres Lebens verbringen wir immerhin mit dem Warten an roten Ampeln. Zwei Wochen, also 14 Tage oder auch 336 Stunden beziehungsweise 20160 Minuten. Da wundert es nicht, dass den Wartenden dass ein oder andere Mal die Nerven durchgehen.

Es ist der Tag vor Christi Himmelfahrt. Viele nutzen das verlängerte Wochenende für einen Kurzurlaub mit der Familie. Neben meiner auffälligen, alten C-Klasse steht der dunkelgraue Van einer vierköpfigen Familie mit Hannoveraner Kennzeichen. Der Vater am Steuer sieht bereits deutlich gestresst aus, die Mutter auf dem Beifahrersitz blickt mich wütend an, während sie versucht, die Kinder hinter sich zu beruhigen. Es kann wohl doch immer schlimmer kommen.

Als ich endlich die Ausfahrt zur B522 erreiche, bin ich erleichtert über den flüssigen Verkehr. Doch die Freude soll nicht lange währen: 15 Minuten später befinde ich mich auf der A 7 Richtung Hamburg/Bremen und damit im nächsten Stau. Quasi kriechend bringe ich die nächsten paar Kilometer hinter mich. Mir kommt es vor, als könnte ich jedes einzelne Blatt der Bäume am Straßenrand zählen. Nach den USA hat Deutschland die größte PKW-Dichte der Welt. Laut der Bundesregierung sind 49 Millionen Autos, Lastkraftwagen, Busse und Motorräder hier zu Lande zugelassen. Tendenz steigend. Und wie es aussieht befindet sich ein Großteil von ihnen gerade mit mir auf der A7.

Der Verkehr stockt und stockt und stockt. Dann Stillstand. Nur einige Sekunden stehe ich dort. Es reicht, um die Emotionen wieder hochkochen zu lassen. 39 Stunden im Jahr verbringen Pendler im Stau. 39 Stunden also 1,625 Tage oder auch 2340 Minuten. Und damit können sie sich noch glücklich schätzen. Der Stuttgarter stand 2014 im Durchschnitt 65 Stunden im Stau. In der Zeit könnte man  beinah einmal um die ganz Erdkugel fliegen.

Am Ende des Staus drücke ich wieder aufs Gas. Der LKW vor mir kommt nicht über 90 Stundenkilometer hinaus, also wechsle ich auf die mittlere Spur. Und schicke ein kleines Stoßgebet gen Himmel, mich doch bitte von weiteren Verzögerungen zu verschonen. Es sind jetzt noch 72 Minuten zu fahren. 72 Minuten, also 4320 Sekunden oder auch eine gefühlte halbe Ewigkeit.

Von Madeleine Buck

[ssba]