35 Minuten Sozial-Therapie

Kurz vor Weihnachten ist die Supermarktschlange das Eldorado jedes Einkäufers. Mütter mit angenehmem Akzent flüstern ihren wohlerzogenen Sprösslingen dezent zu: „Schantalle, halt’s Maul, gibt jez kenne Schokolade.“ Natürlich bleibt der Nachwuchs gesittet in seinem Einkaufswagensitz, bereit, sich mit seiner Mutter auf hohem Niveau zu duellieren.

Das alles dauert nur wenige Sekunden und keiner bekommt so wirklich etwas davon mit. Katharina Saalfrank wäre wirklich stolz. Auch im Einkaufswagen der charmanten Mutter alles korrekt: Cola, Bier und Chips, da sind doch alle wichtigen Nährstoffe enthalten.

Gerade mal 10 Minuten angestanden. Mensch, das scheint heute wirklich fix zu gehen. Auch die Kassiererin ist nicht zu bremsen, nur bei jedem dritten Produkt muss sie in die Liste mit den Artikelnummern schauen. Äpfel, Mischbrot und stilles Wasser werden auch wirklich selten gekauft.

Die Zeit vergeht schnell: gerade mal 20 Minuten vorbei. Auch die Kundin gehobenen Alters bringt Auszubildende Mandy K., wie man auf ihrem Plasteschild entziffern kann, nicht aus der Ruhe. Freundlich hebt sie die drei Tomaten in der durchsichtigen Tüte hoch: „Hättn Se vorhär wieschen müssen.“ Die Kundin schickt ihren motivierten Enkel los, der hat den Turbogang eingelegt und braucht nur schlappe fünf Minuten. Wahnsinn: gerade mal 30 Minuten vergangen. Nachdem die Dame gezahlt hat, bemerkt sie den fatalen Fehler. Einen ganzen Treuesticker hat sie zu wenig bekommen. Mandy verdreht charmant die Augen und kaut erotisch auf ihrem Kaugummi weiter: „Kann isch danach nisch mehr rausgeben.“

Klar, der Kunde ist König. Erst 35 Minuten vorbei, Puls und Blutdruck sind weiter im Keller, ist ja auch noch Zeit, kein Stress. Nachdem ich mit meinen fünf Sachen durch bin und mit einer durchaus akzeptablen Quote abgeschnitten habe, nur drei Mal musste Mandy die Nummer nachschauen, vermisse ich schon das Flair der Kassenschlange. Was würde ich nicht alles für einen Augenaufschlag von Mandy geben. Ein Glück: ich hab die Milch vergessen.

Von Antonia Eller

Foto: Lara Sagen

[ssba]